2.1) Laufberichte

30.03.2018

Ein feiner Erlebnisbericht vom Hainichläufer Klaus Eisenacher über ein Skiabenteuer in der Schweiz

Erlebnis Engadin Skimarathon 2018 

Der Engadin Skimarathon am 11.03,2018 war ein historischer Lauf, allein schon aufgrund der Rekordteilnehmerzahl von 14 200, aber auch der vielen hochklassigen Spitzenläufer wegen. Acht der zehn Weltbesten waren am Start dabei. Im Rekordfeld waren Weltklasseläufer aus Norwegen, Schweden, Finnland, Frankreich, Russland und der Schweiz. Unter den Teilnehmern waren auch wir, zwei Teilnehmer aus Mühlhausen, Anke Neubauer (Röblinglaufverein) und ich, Klaus Eisenacher (Hainichläufer). Auch wir sahen uns an diesem Tag plötzlich geänderten, anspruchsvollen Wetterbedingungen gegenüber, mit Regen und Schneefall, milden Temperaturen und Wind. Mit Unterstützung aus unseren Familien reisten wir beide, aber auf getrennten Wegen, schon vier Tage eher in St. Moritz an, um uns an die Bedingungen vor Ort zu gewöhnen, einen Teil der Strecke kennenzulernen und die Anmeldung umzusetzen. Um diesen Hauptlauf herum gab es eine ganze Woche lang  schon ein volles Programm, Messe im Marathon-Village in St. Moritz und verschiedene Skilanglaufwettbewerbe, für Profis, Nachwuchsläufer und die große Maße der Hauptläufer, aus aller Herren Länder, bis zu Teilnehmern aus Indien. Großen Zuspruch hat dabei auch ein Nachtlauf, der mit den vielen Stirnlampen ein besonderes Bild in der Dunkelheit auf der Strecke erzeugte.

Die große Zahl der Marathonskiläufer, samt ihrer Begleiter und Unterstützer wurden überwiegend mit Bussen oder der Rhätische Bahn zum Start in Maloja oder ab dem Ziel in S-chanf transportiert. Die Organisation wird an der Strecke von 9 Wintersportvereinen und der Gepäcktransport durch LKW der Schweizer Armee unterstützt. Das Zielgelände ist wiederum in einem logistischen Lager der Schweizer Armee eingefasst. Ein besonderer Punkt ist genau vor diesem Zielgelände, eine nur für diesen Tag und dieses Ereignis gebaute Haltestelle der berümten Rhätischem Bahn, mit ihren markanten roten Bahnwaggons!  Der Start in Maloja ist gestaffelt nach Startblöcken und Startzeiten. Wenn man nicht genau eine Referenzzeit des vorangegangenen Jahres oder eines vergleichbaren Laufes der Startserie (z.B. Vasalauf) vorweisen kann oder aber nicht zu den ausgewählten Spitzensportlern gehört, wird man einer der „Volksläufer“- Startblöcke zugeordnet. Der dazu geplante Start um 9:33 Uhr wurde nicht eingehalten und um ca. 20-30 Minuten hinausgezögert, um einem hohen Sturzrisiko bei Regen und Neuschnee zu Beginn an diesem Tag etwas zu entzerren.

Die große Sorge der Organisatoren war nicht etwa die plötzliche Wetteränderung, mit Regen, Neuschnee und Wind, sondern eine drohende Lawienengefahr für die wichtigste Zufahrtstraße zum Start in Maloja, die von nahezu allen Zubringerbussen genutzt wurde. Zum Glück wurde entschieden, die Straße erst später zu sperren. Und so kam auch für die Starterin und den Starter aus Mühlhausen der Startpunkt heran. Mit Bauzäunen waren die Startblocks umrandet, in denen die 14 200 Starter den verschiedenen Startgruppen zugeordnet waren. Es gab Musik über Lautsprecher und auch Alphornbläsermusik live, Durchsagen kamen aber nur verzerrt an. So öffnete sich nach langem Warten verspätet auch der vorletzte Startblock mit uns eingeteilten „Volksläufern“, um zunächst mit den Langlaufski in der Hand, auf die Loipenstrecke zu eilen. Es gab keinen Startschuß oder anderweitiges Startkommando mehr, der Chip an der Startnummer registrierte das Überschreiten der Startlinien, was nur durch die Zeitmessung von Datasport registriert wurde. Der Neuschnee klebte etlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei dem Start-Prozedere an den Schuhen und die Voluntari machten ihr Menschenmögliches, um ihnen zu helfen und das Eis von den Skischuhen und Skibindungen zu befreien, um die Ski anlegen zu können. Meine Langlaufski bekomme ich im Startgarten ohne diese Unterstützung selber an die Bindung. Dabei bin ich beim Start motiviert, wohl wissend, dass es der größte Langlaufwettbewerb in der Freien Technik weltweit ist.   Auf breiter Bahn geht es schnell voran, rechts davon sind noch ein bis zwei Spuren für Klassische Skilangläufer, die aber selbst bei den Volksläuferstartblocks deutlich in der Unterzahl sind. Bei dem Wetter sind zunächst keine Berge um uns herum zu sehen. Es geht gleich über zwei zugefrohrene Oberengadiner Seen. Die Loipenbreite ist durch farbige Stäbe markiert. Von da ab sind immer wieder abgebrochene Skistöcke, Spitzen oder auch vereinzelt Skispitzen an oder auf der Loipe zu sehen, was dazu zwingt, die Konzentration möglichst von Anfang an hochzuhalten. Man hat zwar gelesen, dass es einen Wax- und Reparaturservice auf der Strecke gibt, aber so eine Marathonstrecke lässt sich nicht komplett abdecken. Da taucht aus dem Nebel rechts oben plötzlich ein weisses Schloss auf, das Hotel Waldhaus in Sils i.E. Lautsprecher begrüßen uns Skilangläufer und feuern uns an. Gleichzeitig hören wir auch, dass die Elite sich schon dem Ziel entgegen bewegt und dabei auch Schweizer Leistungssportler den Skandinaviern, Franzosen und Russen Paroli bieten. Eine andere Wahrnehmung sind einige besondere Kostümgruppen, die zum Teil auch ihre eigene Musik mit ziehen oder transportieren. Da gibt es „Mexikaner“, „Schlümpfe“ und sogar Männer in schwarzen Anzügen, weißen Hemden und mit Hut. Und die machen alle tüchtig Tempo. Dabei unterstützt manchmal auch ein deutlich spürbarer sogenannter „Malojawind“, am Angenehmsten, wenn er von hinten kommt. In einem kleinen Waldstück verengte sich die Strecke derart, dass mein rechter Ski promt mit dem Stock einer anderen Skaterin kollidierte und ich zu Fall kam. Sie entschuldigte sich aber sofort derart höflich, dass ich mein begonnenes lautes „Murmeln“ gleich wieder einstellte. Vor allem aber, weil bei mir noch alles heil geblieben ist. So kommt man dem ersten Stau entgegen, der Anstieg an der Olympiasprungschanze von St. Moritz. Die Organisatoren haben diesen Anstieg mit zusätzlichem künstlichem Schnee präpariert, damit nicht auf dem darunter liegendem Eis all zu viele nur „zurückrutschen“. So kommt man zu einer kleinen Abfahrt in Richtung St. Moritz. Die zu überquerenden Straßen am Fünfsterne Kempinski Grand Hotel, dem Marathon-Village mit seinen Sponsorenpräsentationen und dem Marmorbadetempel „Ovaverva“ sind mit Schnee präpariert. Hier stehen Zuschauer und Unterstützer dicht gedrängt, feuern an oder halten kleine Verpflegungen parat. So kämpten wir uns weiter in Richtung der Anstiege des Stazer Waldes. Nach den Anstiegen, verbunden mit mehreren Staus kommt das wohl späktakulärste Stück, so sehen das auch die Zuschauer, die deswegen in Schaaren herbeiströmen. Zum Glück hatten wir dieses Stück zwei Tage zuvor besichtigt und die vielen angebrachten Polster an den Bäumen registriert. Bei Anke Neubauer hat die Abfahrtsstrecke zwischen den Bäumen im Stazer Wald den bezeichnenden Spitznahmen „Matratzenwald“! Jedes Jahr werden hier spektakuläre Videos  gedreht. Von den „Gepeinigten“ kann man nur hoffen, das doch noch einige wieder auf die Beine kommen und weitermachen können. So gehe ich diese gefürchtete Abfahrt zunächst betont defensiv an, um dann aber die Ski zusammen zu nehmen und in der Hocke zwischen den letzten Bäumen „hindurch zuschießen“, ohne dass mich auch noch einer der links und rechts fallenden umsäbelt. Erst bei den mit Schnee präparierten Überfahrten über die Eisenbahngleise prüfe ich, dass ich auch alles noch beisammen habe. Danach kommt der Verpflegungspunkt in Pontresina näher, den ich auch dringend brauche. Wer das möchte kann hier am Halbmarathonpunkt aussteigen, was ohne weiteres möglich währe und auch einige tun. Diesen Punkt nach 21 km passiere ich nach 1:47 Minuten und stärke mich mit Getränkebechern und Banahnenstückchen. Da die Handschuhe bei dem Wetter nicht nur bei mir stark durchnäßt sind, sind Helfer an der Verpflegung sogar bereit, Bananenstückchen oder Traubenzucker gleich in den Mund zu schieben, was mir sehr hilft! So geht es weiter um gleich danach von Freiwilligen an der Strecke gestoppt und hintereinander einsortiert zu werden, um einen Notarzteinsatz nicht zu behindern. So etwas steigert die Aufmerksamkeit, es sollte aber der einzige direkt von mir erlebte Einsatz dieser Art unmittelbar auf der Loipe bleiben. Erfreut war ich, dass ich nun ein ganzes Stück von der Mühlhäuserin Anke Neubauer begleitet wurde, denn über weite Strecken vorher war das nicht der Fall, was bei der Masse aber nicht sonderlich verwundert. Nur wenig von der Loipe entfernt kam man am Eingang der Muottas-Muragl-Bahn vorbei, wo man oben vom Berg eine tolle Aussicht und ein ausgezeichnetes Restaurant hätte haben können, aber weniger heute. Da erfreute ich mich, als in der Nähe von Samedan der Flugplatz näher kam. Und gleich startete auch neben unserer Loipe ein Flugzeug, um „gutbetuchte“ Gäste zu fliegen. Bald danach kommt die Raststätte „Piste 21“ und daneben eine weitere Verplegungsstation, die ich sogleich ansteuerte. So kämpfte ich mich weiter über Bever nach La Punt. Dort hatte ich sogleich die Bilder von dem Tage zuvor erfolgten kurzen Aufenthalt im Bunker der dortigen Schule im Kopf. Der Bunker wird als preiswerte Unterkunft für Teilnehmer des Engadin Skimarathon angeboten, für etwa 20 Schweizer Franken, was auch von einigen angenommen wurde. Die Organisatoren haben sich hier eine Neuerung an der Strecke einfallen lassen. Eine überlebensgroße „50“, für das Jubiläum, leuchtet schon von weitem und danach laufen alle die große Zusatzjubiläumsschlaufe auf der dazu markierte Loipe. Das überrascht schon, weil mal auf dieser spektakulären Schleife den voranlaufenden und nachfolgenden Skiläufern mehrfach begegnet und die Spurmarkierungen dazu eng geführt sind! Auch die nun folgenden Loipen über Madulain und Zuos zeigten sich recht wechselhaft in Bezug auf das Profil und auch landschaftlich ist es wunderschön dort. Jede sich noch bietende Verpflegungsstelle durfte man keinesfalls auslassen. Und so kam man dem Ziel, auf einem militärischen Gelände hinter S-chanf näher, auch wenn die Freistiltechnik nicht mehr ganz so „flüssig“ ausgesehen haben sollte. Die Beine sind zwar noch gut, doch die Oberame leiden in den sogenannten „Golanhöhen“. Es sind noch etwa drei Kilometer, wo noch einmal die Zähne zusammengebissen werden. Der Zieleinlauf war wohl in diesem Jahr auch etwas verlegt, was dazu führte, dass man am Zielgelände mit seinen Lautsprechern erst einmal vorbei gelaufen ist, um dann wieder einzudrehen. So etwas kann auch gewisse „psycholgische Auswirkungen“ haben, was die Zielfreude etwas abbremst. Auf meiner Laufuhr waren auch schon etwas mehr als 43 km angezeigt. Da ich aber keine genauen Vergleiche durch vorangegangene Ergebnisse auf dieser Strecke hatte, bin ich mit meiner erreichten Zeit von 3:37.24 h und von hinten startend und im Mittelfeld ankommend doch sehr zufrieden! - Die Organisatoren und die einheimischen Schweizer Zuschauer freuten sich über den ersten Schweizer-Doppelsieg seit 2007, durch Roman Furger und Nadine Fähndrich. Daran konnte auch Petter Northug, seines Zeichens Rekordweltmeister aus Norwegen nichts ändern. Sein jüngerer Bruder, Even Northug hatte zuvor noch den Nachtsprint am Freitag in St. Moritz gewonnen. Topstar Petter Northug belegte „bloss“ Rang 19 an diesem Jubiläumstag. Der wiederum aktuelle Schweizer Olympiasieger Dario Cologna, der Sieger vom letzten Engadin Skimarathon, war tags zuvor beim Weltcup in Oslo und siegte dort über 50 km, was den Norwegern wohl gar nicht gefallen hat.

Fazit: Die 50. Austragung des Engadiner Skimarathon in der Freien  Technik wird in schöner Erinnerung bleiben. Auch wenn die Sonne an diesem Tag nicht zu scheinen vermochte, haben die verschiedenen Attraktionen entlang der Strecke und die gute Stimmung unter den Teilnehmenden und freiwilligen Helfern zu einem unvergesslichen Tag beigetragen. Ein super Tag – eine super Leistung! Danke sage ich dazu dem Engadin Skimarathon-Team, der Region und speziell allen Beteiligten in und um St. Moritz, die mich in allen Dingen und der Organisation unterstützt haben, wie auch meiner Frau und Familie, die mir das für mich anspruchsvolle Skilanglauftraining in der Freien Technik ermöglicht haben. Viel konnte ich dabei auch aufnehmen, von den eindrucksvollen Berichten, Erklärungen und Einweisungen von Anke Neubauer, zusammen mit ihrem Bruder, mit ihren acht vorangegangenen Engadin Skimarathons.